Die Fraktionen - Naturale

Anira und Tamon gehen ihren Leben aus unterschiedlichen Gründen aus dem Weg. Anira hat gelernt, aus Angst vor ihren Gaben, diese und sich selbst zu verstecken. Tamon hat von den Regeln der Naturale – eine Gemeinschaft, deren stärkste Gabe die des Gestaltwandels ist - die Nase voll und versteckt sich vor ihnen. Gemeinsam müssen sie den Mord an einem Freien aufklären und sich ihren Ängsten stellen. Und damit retten sie nicht nur sich selbst.

Die Fraktionen - Naturale  erscheint im Mai 2022 im LEGIONARION Verlag als Taschenbuch und ebook.

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Leseprobe

Das Dröhnen der Menge klang im Inneren des Gebäudes wie das nie enden wollende Gebrüll einer riesigen Kreatur.
Durch das Fenster sah ich die Akteure draußen, wie winzige Ameisen über die Bühne des Forums laufen. Die großen Langhäuser der Vigiér standen zu weit weg, um sie wirklich gut zu sehen. Sie wurden zu Schankräumen umfunktioniert, wenn die Spiele stattfanden. Die Splitterspiele waren für alle eine willkommene Abwechslung zu der alltäglichen Arbeit auf den Feldern. Außerdem schmeckte das Bier besser als in den Tagelöhnerblocks. 

Die Vigiér wahrten das Gleichgewicht in den Splittern, jene Siedlungen der Menschen, die den stabilsten Lebensraum darstellten. Sie sorgen dafür, dass die Wildnis sich keine Gemeinschaft einverleibte. Und sie organisierten die Spiele.
Eigentlich der Grund, warum ich eher selten hierherkam. Ich zeichnete mit meinen Fingern die Furchen im Holztisch nach und beobachtete die anderen Gäste. Dort wurde laut über die aktuelle Bestenliste diskutiert.


»Die Rothaarige, die wird es schaffen. Glaub mir, Ende des Jahres wird die aufgenommen.«


»Aber nur, wenn sie Glück hat. Ich wette meinen besten Schnaps auf den Starken.«


»Du unterschätzt die Rothaarige. So leichtsinnig hätte ich meinen Besten nicht verschenkt, aber ich bin dabei!«


»Ihr habt doch beide keine Ahnung. Der Drahtige, der wird am Ende an Euren Favoriten vorbeiziehen und gewinnen.«

Die vier Fraktionen leiteten die Splitter und hatten in ihnen das Sagen. Die meisten Freien träumten insgeheim davon, bei einer von ihnen aufgenommen zu werden, nur würde das niemand zugeben. Es war der Traum vieler, etwas Besonderes sein zu wollen. Ich hatte daran nie Interesse gezeigt, im Gegenteil. Mein ganzes Leben lang machte ich einen großen Bogen um sie.
Ich war eine Laune der Natur und somit eine Gefahr für jede Gemeinschaft. Ich galt als Unglücksbringerin. Ein Omen, dass ein Splitter bald von der Wildnis verschlungen würde. Da half es auch nicht, dass ich schon seit vier Jahrzehnten versteckt hier lebte. Sie würden mich, ohne zu zögern, verjagen oder töten. Ich verstand die Menschen im Splitter sogar, da ich mit derselben Angst großgezogen worden war. Um nicht aufzufallen, nahm ich nie an den Gabentrainings teil.
Jeder Freie sollte damit die Möglichkeit erhalten, seine Gaben auszuloten und neue Ausprägungen zu finden. Außerdem wechselte ich regelmäßig die Tagelöhnerblocks, jene Wohngemeinschaften in den Splittern, die keiner Fraktion direkt angeschlossen waren. Tagelöhner waren eine kleine eingeschworene Gemeinschaft, wie es die Blocks der Freien in den Bereichen der Fraktionen ebenso waren. Es gab wenig Berührungspunkte miteinander. Ich schloss keine festen Freundschaften und blieb immer allein. Und jetzt, nachdem ich alt geworden war, fragte ich mich, wofür das Ganze.
Wofür hatte ich die letzten sechzig Jahre gelebt? Im Grunde saß ich schon seit Jahren meine Zeit ab und wartete auf das Sterben.
Hier im Trubel hing ich meinen trüben Gedanken nach und betäubte sie mit Alkohol.


»Ist der Platz noch frei?«

Aus der Entstehung

Was würde passieren, wenn 2012 - dem Ende des Majakalenders - die Welt wirklich untergangen wäre. Nur anders, als gedacht? 

Bei "Die Fraktionen - Naturale" ging ich dem Gedanken nach, was passieren würde, wenn die Natur sich ihren Platz wieder zurück holt und die Menschen innerhalb weniger Tage zu einer vom Aussterben bedrohten Art würden. Wie würden diese Menschen überleben? Welche Gemeinschaften würden sich bilden?

Und immer die Bedrohung durch die Natur im Hintergrund, die jederzeit dem Treiben der Menschen ein Ende setzten könnte.

So entstand die Geschichte zu den Fraktionen. Unterschiedliche Interessensgemeinschaften, die mit ihrer Sichtweise ein miteinander mit der Natur ermöglichten. Und die Gaben besaßen, die über den bisherigen Verstand der Menschen hinaus gingen.