
Erwachende Mächte - Aileen
Aileen ist intuitive Beraterin mit Leib und Seele. Als ein Fremder sie um Hilfe bittet, wird ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt. In ihr erwachen Kräfte, die sie zutiefst erschrecken, während alten Mächte in die Welt drängen und nach Opfern verlangen. Als dann noch die Polizei Aileen um Hilfe bei der Suche nach verschwundenen Kindern bittet, ziehen sich die dunklen Fäden immer enger um sie.
Kann sie die Kinder und sich selbst vor den finsteren Mächten retten?

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Leseprobe
Neuanfang - Aileen
»Die letzten Kisten kommen in den Nebenraum, rechts hinter dem Eingang.«
Ich war geschafft. Seit Wochen hatte ich Kartons voller Zeug gepackt, mich von Sachen getrennt und nicht nur äußerlich einen Schlussstrich unter einige Dinge gezogen. Der Tod meiner Großmutter war nicht unerwartet gekommen, trotzdem fehlte sie mir schmerzlich. Sie war der letzte Rest Familie, nachdem meine Eltern während eines kurzen Trips übers Wochenende verschwanden und nie gefunden wurden. In dieser Nacht hatte ich seltsame Träume und war zu meiner Großmutter ins Bett geklettert.
»Träume wollen dir etwas mitteilen, Aileen.«
»Aber sie waren schrecklich. Sie haben mir große Angst eingejagt.«
Irgendwann verstand ich, dass ich anders war. Ich wusste Dinge, die ich nicht wissen konnte, und lernte als Kind schmerzhaft, dass mich das zur Außenseiterin machte. Ich war den Leuten unheimlich.
Ich versuchte, normal zu leben, doch das Interesse blieb. So sog ich Wissen in mich auf. Steine, Tarot, Astrologie, Traumdeutung und vieles andere. Mit meinen mittlerweile vierundzwanzig Jahren besaß ich ein breites Wissensspektrum in den verschiedensten spirituellen Gebieten.
Meine Großmutter war es, die mich immer ermutigte, diese Fähigkeiten zu nutzen und nicht verkümmern zu lassen. Deswegen suchte ich mir geschützte Orte zum Ausleben und wurde im Internet fündig. Daraus entstand ein kleiner, treuer Kundenstamm, der diese Unterstützung gerne annahm und dafür bezahlte.
Ich träumte von meiner Großmutter in der Nacht, in der sie starb.
»Ich überlasse dir alles, was ich habe. Geh deinen eigenen Weg, Aileen. Es wird Zeit, dein Erbe anzutreten.«
Nach dem Anruf des Bestatters hielt mich nichts mehr in der Stadt. Ich bezog das kleine gemütliche Haus und lenkte mich mit dem Einrichten und dem Herrichten des Gartens ab. Die vielen Kräuter und Blumen weckten schöne Erinnerungen und was mir meine Großmutter alles über sie beibrachte. Das meiste, was hier wuchs, waren Heil- und Nutzkräuter, welche auch das ganze Grundstück umgaben.
»Damit halten wir Dunkles ab und mehren das Gute hier drin, Aileen. Achte immer darauf, dass diese Umfassung intakt bleibt.«
Ich musste es ihr damals hochheilig versprechen, so ernst war es ihr damit. Nachdem das Gröbste mit dem Umzug und dem Garten geschafft war, betrachtete ich meine Finanzen. Glücklicherweise konnte ich mit dem Erbe und den Onlineberatungen über die Runden kommen und kündigte meinen langweiligen Bürojob.
»Du weiß bereits die Antwort auf diese Frage. Du brauchst keine Erlaubnis dafür, um ehrlich zu dir selbst zu sein.«
Nach Wochen war es dem Telefonanbieter endlich gelungen, meinen Internet-Anschluss freizugeben und die ersten Stammkunden reservierten wieder ihre Termine. Das Telefonat dauerte eine Dreiviertelstunde und die Kundin hatte mit neuen Perspektiven vor Augen das Gespräch beendet.
Das war es, was mich an meiner Berufung so befriedigte und ich hatte kein schlechtes Gewissen, dafür Geld zu nehmen. Es war bei den meisten spirituellen Menschen verpönt, weswegen ich dort zwar einige kannte, aber keinen engeren Kontakt pflegte. So war es besser ‒ für beide Seiten.
Heute wurden die letzten Möbel angeliefert und montiert und nach einem Kaffee begleitete ich die Möbelpacker hinaus bis zur Gartentür.
Das ganze Grundstück wurde von einem kleinen Mäuerchen mit einem kunstvollen Zaun darauf umschlossen, an dem die Pflanzen hochwuchsen. Selbst an der Gartentür hingen Blumenkästen am Boden, um die Umrahmung aufrechtzuerhalten. Ich sah dem Auto zu, wie es die schmale Straße entlang zur Hauptstraße fuhr und dann abbog.
Meine Nackenhaare stellten sich auf, selbst die feinen Härchen auf den Armen und ich blickte mich um, um einen Grund dafür zu finden. Da war nichts. Überall waren Bäume und Büsche zwischen den Häusern, sodass der Eindruck entstand, auf einem Einsiedlerhof zu leben, obwohl der nächste Nachbar nur einen Steinwurf entfernt war. Der Moment ging vorbei, aber das seltsame Gefühl blieb. Vielleicht war es nur ein Tier, das sich im Gebüsch versteckt hatte.
Unerwarteter Besuch - Aileen
Ich fühlte mich so frei und erleichtert wie schon lange nicht mehr. Ich hatte alles mehrmals durchgerechnet und konnte von meinem Erbe und den Einnahmen als Beraterin leben. Es waren keine großen Sprünge drin, aber es reichte, um Geld für Anschaffungen und Reparaturen auf die Seite zu legen. Das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden, war die vergangenen Wochen geblieben, aber ich sah nie etwas. Daher achtete ich darauf, alles zu verschließen, damit sich kein Tier ins Haus verirren konnte.
An der Gartentür stehend, sah ich noch einmal zurück und kontrollierte, dass alle Fenster und Türen zu waren, bevor ich zu dem kleinen Bäcker im Dorf lief. Als ich mich umdrehte, stand er direkt vor mir. Ich sprang erschrocken zurück und mein Herz raste. Der Fremde hielt die Gartentür mit seinem Fuß auf und sah mich forsch an.
»Entschuldigen Sie bitte. Ich wollte Sie nicht erschrecken, aber ich brauche Ihre Hilfe.«
Die Stimme war angenehm tief und passte zu dem Mann vor mir. Er war etwas größer als ich mit meinen ein Meter fünfundsiebzig, und hatte intensive grüne Augen. Er war breit gebaut wie ein Boxer, auch wenn er nicht plump wirkte. Mit seinem markanten Gesicht und seinen schulterlangen dunklen Haaren fand ich ihn gut aussehend. Seine Haut war gebräunt, etwas, worum ich ihn beneidete. Meine wirkte wie Porzellan. Sie war immer hell, selbst im Sommer.
»Wie bitte?«
Er wirkte nicht wie ein neuer Nachbar und ich sah auch keinen liegen gebliebenen Wagen. Wie sollte ich ihm da helfen?
»Bitte entschuldigen Sie mein Benehmen. Mein Name ist Samuel Werk und ich brauche Ihre Hilfe. Darf ich eintreten?«
»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen könnte.«
Er betrachtete mich intensiv und ich bekam eine Ahnung, dass es sich nicht um Nachbarschaftshilfe handeln würde. Er sah nicht so aus wie die meisten, die sich für Spiritualität oder Esoterik interessierten, aber mein Gefühl sagte mir etwas anderes.
»Ich gebe keine Beratungen bei mir zu Hause.«
Samuel nickte und trotzdem blieb er. Die ganze Situation war seltsam. Nicht in der Art, wie ich es kannte, wenn ich mit Menschen zu tun hatte, die sich mit dem Esoterischen beschäftigten.
Meistens waren es Träumereien und Wünsche, die sie ins Übernatürliche flüchten ließen. Als Kinder hatten sie ein intuitives Gespür dafür, was ihnen guttat und was nicht. Während des Erwachsenwerdens stellten sie dann fest, dass dieses Gefühl nicht mit dem Alltag zusammenpasste. Und da Menschen Herdentiere waren, übergingen sie ihre Empfindungen so lange, bis sie diese nicht mehr wahrnahmen. Ich hatte Glück, dass meine Großmutter mich immer darin bestärkte, auf diese kleinen Eingebungen zu hören.
»Dessen bin ich mir bewusst. Die Sache ist jedoch sehr wichtig und ich brauche unbedingt jetzt einen Rat. Bitte.«
Mein Gegenüber wirkte nicht sonderlich unsicher oder hilfsbedürftig, aber es schien ihm ernst zu sein. Außerdem war ich neugierig, was dieser Mann von einer spirituellen Beraterin erfahren wollte, also nickte ich.
»Ausnahmsweise. Ich bitte Sie jedoch in Zukunft online einen Termin zu machen. Hier entlang, bitte.«
Ich führte ihn auf die Terrasse auf der Rückseite und bot ihm einen Platz an. Drinnen war kein Raum dafür vorgesehen und ich wollte diesen Fremden nicht in meinem Wohnzimmer sitzen haben.
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