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Visionen aus der Tiefe

In einer Welt aus Daten, Stahl und dem beständigen Rauschen des Regens sucht Norman einen Ausweg. Die Sehnsucht nach einem blauen Himmel treibt ihn an, während die Enge des Megakomplexes ihn erdrückt.

Da verheißt ihm ein Spalt im digitalen Gefüge einen Weg in eine Welt jenseits der Kuppel.

Für seine Anhänger ist er damit ein Prophet. Für die Regierung ein Aufrührer. Doch die Zeit wird knapp, denn der Riss schließt sich - und mit ihm Normans einzige Hoffnung.

Auf der Suche nach der Wahrheit überschreitet Norman die Grenze. Doch was, wenn jeder Ausweg nur ein anderer Käfig ist?

Visionen aus der Tiefe - kleine Datei.jpg

Cover ans Art Design

Leseprobe

 

Prolog

 

»Heute feiern wir den Mut jener, die uns vor dem Exodus bewahrt haben.«
Die Bildschirme des Megakomplexes erstrahlten mit den Bildern der Feierlichkeiten. Selbst in der Tiefe der Arche erwachten stillgelegte Monitore zum Leben und übertrugen die Jahresfeier der Rettung. Eine Zeit, in der die Welt auf den Abgrund zuhielt und die Kuppel erbaut wurde. 
»Unsere Vorfahren sahen, wie die Welt zerfiel und sie handelten.«
Archiv-Bilder flimmerten über die Leinwände, ausgebleicht in braunen Tönen, wie Erinnerungen, die im Begriff waren, sich aufzulösen. Bilder aus einer lang vergangenen Zeit. Menschen in groben Schutzanzügen, die mit schweren Maschinen den Grundstein der Arche legten. 
»Sie bauten die Arche. Ein gewaltiges Konstrukt aus Beton, Glas und Stahl. Nicht für sich. Sie wussten, dass die Rettung ihnen nicht mehr zugutekommen würde. Sie bauten sie für die Hoffnung. Für alle, die nach ihnen kommen würden. Für uns. 
So lasst uns heute die Grundsteinlegung feiern und derer Gedenken, die ihr Leben für uns gegeben haben. Wir erinnern uns, lehren unseren Kindern die Bedeutung der Opfer, die unsere Gründungsväter gebracht haben, damit wir heute hier sein können.«
Jedes Jahr wurde dieser Tag im Megakomplex der Arche zelebriert. Die Arbeit ruhte fast im gesamten Komplex, damit sich jeder die immer gleichen Bilder der ersten Jahre ansehen konnte. Damit allen verdeutlicht wurde, wie viel Glück sie hatten, hier leben zu dürfen.
Die Stimme des Sprechers klang warm und voller Zuversicht. Wie ein Prediger, der seinen Schäfchen vom Paradies berichtete. Die immer gleichen Worte zu den immer gleichen Bildern vorbetend, mit einer Inbrunst, wie es nur blinder Glaube ermöglichte.
»Der Anfang war schwer. Die Erde brannte, die Felder verdorrten und selbst der Regen verwandelte sich in Gift, das sich durch die Haut fraß. Und jeder kämpfte gegen jeden ums nackte Überleben.«
Die nächsten Bilder zeigten die improvisierten Unterkünfte der Menschen jener Zeit. Die verätzten Körper. Die ausgehungerten Kinder und Frauen. Die Ausschreitungen und Kämpfe um die letzten verbliebenen Lebensmittel.
»Doch unsere Gründer hielten stand. Sie vereinten sich gegen die Verrohung und bildeten eine Gemeinschaft. Sie hielten durch und schenkten mit der Arche den Menschen eine neue Heimat. 
Heute verwandeln wir den giftigen Regen in reines Trinkwasser. Heute lebt unsere Stadt. Wir leben, weil die Gründer ihres für uns gaben.«
Ein letztes Bild von der Arche, so wie sie damals im ersten Stadium aussah. Eine riesige Kuppel über einer großen Stadt, deren Name längst aus der Geschichte gelöscht wurde. Dann wandelt sich das Bild.
»Doch lasst uns nicht nur in der Vergangenheit verweilen. Der Bau der Arche ist nie beendet. Der Schutz der Menschen ist nie beendet. Jeden Tag aufs Neue stehen jene für uns ein, die wir dazu erwählt haben.«
Dieses Mal zeigten die Bildschirme Bürgermeister Cassian Halden. Ein hochgewachsener Mann mit breiten Schultern und einem glatten Gesicht. Er inszenierte sich gerne als ein Nachfahre im Geiste der Gründer. Dieses Jahr hatte er sich ein Waisenhaus ausgesucht, welches er zur Gründerfeier besuchte und reichlich Geschenke mitbrachte.
Das Waisenhaus selbst war so sauber, dass es fast klinisch wirkte, und die Kinder trugen ordentliche Kleidung, wirkten gepflegt und gut genährt. Sie eilten mit einem unbeschwerten Lachen auf den Bürgermeister zu, der wie ein Heilsbringer die Gaben verteilte. Andere Kinder, deren Blick nicht zu dem Rahmen passte, wurden schnell von der Kamera übersehen.
Dann wandte sich Halden mit dem Blick zu den Bildschirmen.
»Wir sind eine Gemeinschaft, die sich gegen das Chaos und die Brutalität entschied und dadurch eine Chance bekam, weiter zu existieren. Wir kümmern uns umeinander. Niemand wird vergessen. Es ist unser aller Verantwortung, uns um jene zu kümmern, die es nicht selbst tun können.«
Im vergangenen Jahr hatte er fast die identischen Worte in einem Altenheim gesagt und nächstes Jahr würde er sie mit Sicherheit an einem anderen Ort wiederholen. 
Die Bilder waren so gewaltig und inszeniert, dass der kleine Newsticker unterhalb der Sendung fast verschwand. Darauf kamen Nachrichten, welche die andere Seite der Arche zeigten.
»Kleinere Unruhen in Ebene -10 erfolgreich befriedet. Die Ordnung wurde vollständig wiederhergestellt. Der Sicherheitsdienst bedankt sich für die Kooperation.«
Eine Randnotiz im System, dass die Arche mit extremer Gewalt gegen jene vorging, die sich zusammenfanden, um am Gründertag zu protestieren. 
Doch die Propaganda war noch nicht beendet. Wieder wurden neue Bilder gezeigt. Bilder von einer verregneten, grauen zerstörten Außenwelt.
»Die Welt außerhalb der Kuppel bleibt gefährlich und wir sind dankbar, dass die Kuppel hält. In den vergangenen Generationen konnte die Arche vergrößert werden und so den vielen Menschen Platz bieten, die hier leben. Noch jetzt gibt es jene, die beständig daran arbeiten, die Arche zu erweitern, damit unsere Lebensqualität …«
Erste Pixel auf den Bildschirmen wurden unscharf und lösten sich in einer Spirale auf. Doch dahinter war nicht nichts. Spärlich erleuchtete Orte, mit ausgemergelten Gestalten erschienen. Menschen, die auf die gleichen Leinwände starrten mit den gleichen Bildern. Hagere Kinder, die mit aufgeblähten Bäuchen auf Fetzen lagen und stumm in die Kamera blickten. 
Das war nah, echt und aus den Tiefen des Megakomplexes. Eine fremde Stimme erklang.
»Das ist das Fundament, auf dem die Arche Euer bequemes Leben aufbaut. So sieht es aus, wenn …« 
Das Bild fror ein, dann wurden die Bildschirme schwarz und ein Schriftzug erschien.
»SIGNAL WIRD WIEDERHERGESTELLT. DANKE FÜR IHRE GEDULD.«
Die Stimme des Moderators erklang wieder, zusammen mit den Bildern der Ebenen, die das Wasser für die Arche bereitstellen. Ein Zeichen, dass der Moloch das Einzige zwischen Tod und Leben war.
»Wir danken unseren Vorfahren für ihre Opfer. Wir danken der Arche für ihren Schutz. Und wir danken den Bürgerinnen und Bürgern für das Vertrauen.«
Die Kamera gab einen letzten Blick preis auf die Kuppel, auf die unaufhörlich stummer Regen fiel. Und ein letzter Schriftzug erschien, bevor die Bildschirme sich wieder verdunkelten oder die neueste Mode preisten.
»DIE ARCHE HÄLT.«

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